Lecture for Everyone

Lecture for Everyone

Wie wollen wir zusammen leben und wo können wir unsere drängenden Fragen stellen? Wie erzeugt man eine Gemeinschaft ohne die Individualität jedes_r einzelnen zu verkennen? Sarah Vanhee Performance: „Lecture for Everyone“ sucht neue Formen der Vergesellschaftung.

Die Performance ist ein 15minütiger Vortrag. Sarah Vanhee oder eine von ihr ausgewählte Performerin spricht einen ausgefeilten Text. Vanhee tourt damit über die europäischen Festivals. Im Krankenhaus, in der UN, im Unternehmen oder Kulturverein: Ihre lecture performance kann zu Beginn jeder Sitzung stattfinden. Damit hat sie einen Türöffner erschaffen um an verschiedensten Orten aktiv zu werden. Ihre Performance sieht sie als ein trojanisches Pferd.

Was wird also hineingeschmuggelt in diese oft geschlossenen Räume? Zwei Dinge: Eine offene Form der Vergemeinschaftung, die Gerald Raunig „condividuality“ nennt und eine Art des Sprechens, die wie Foucaults Parrhesia als „Wahr-Sprechen“ funktioniert.

  1. Condividuality

Vanhee spricht das Publikum einerseits als Ganzes an, immer wieder aber auch jede_n Einzelne_n. Obwohl sie sehr persönliche Fragen stellt und auch auf „das Innere“ des Publikums eingeht, gelingt es ihr nie übergriffig oder erzieherisch zu wirken. Sie erschafft eine Form des Miteinander, die mit Gerald Raunigs Konzept der condividuality begriffen werden kann. Raunig sucht einen Begriff für die „Verkettung von Singularitäten“, jenseits der Schließung von Gemeinschaft, Community, Partei oder Klasse. Genauso unteilbar und damit ganz wie die Gemeinschaften sind nämlich auch ihre Teile, die In-dividuen. Gemeinschaften und Individuen fordern eine harte Grenzziehung des ENTWEDER – ODER, entweder rechts oder links, entweder du oder ich. Dagegen setzt Raunig eine Verkettungslogik des UND. Seine Singularitäten sind offene teilbare Dividuen, die sich in immer neuen Kontexten mit immer neuen Dividuen verbinden können.

  1. Parrhesia

Vanhee erzählt die Geschichte eines existenziellen Gesprächs mit einem Taxifahrer. Sie zeigt sich besorgt von der Überwachung, der Krise und den Drohungen des Klimawandels. Diese politischen und existenziellen Fragen stellt sie auf eine sehr persönliche und träumerische Art. Das ermöglicht es ihr beispielsweise in einem Managertreffen von IBM grundsätzliche Kritik an der Durchdringung unserer Leben mit Computern zu äußern. Sie kann in Politikertreffen und Verwaltungssitzungen eine persönliche Sprachebene bringen, auf der sie trotzdem nie die Fassung verliert und damit unangebracht wäre. Vanhee reiht sich damit in eine Tradition des „Wahr-Sprechens“ ein, die schon in der Antike als Parrhesia bekannt war. Jemand nimmt sich, obwohl er oder sie das Recht darauf nicht besitzen, eine Redezeit und spricht dann drängende und wahre Dinge aus, die sonst nicht gehört werden würden. Heute muss man dafür nicht mehr mit der Todesstrafe rechnen. Trotzdem gehört einiges an Mut und Chuzpe dazu solche gesellschaftskritischen und persönlichen Fragen in fremden Kontexten zu stellen.

Wie wollen wir zusammen leben und wo können wir unsere drängenden Fragen stellen? Sarah Vanhee hat Ansätze zu einer Antwort gefunden.

http://lectureforeveryone.be/

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3 Kommentare

  1. Ich erlebte den Besuch der Schauspielerin, die diesen einheitlichen Text hier in Darmstadt während einer extrem anstrengenden Probe vortrug und empfand die Aktion als völlig fehl am Platz. Es war für mich (andere sagten mir das selbe) ein respektloser Diebstahl von Zeit und Konzentration anderer Menschen. So etwas zu tun, ohne sich und sein Anliegen vorzustellen, ohne die Zuhörer um Erlaubnis zu bitten, ist für mich schlichtweg arrogant. Ich wünschte, dieser Besuch wäre uns allen erspart geblieben! Ich kann also jeden verstehen, der sich auf eine solche Aktion erst gar nicht einlässt!
    Der Ansatz hinter dem Konzept mag gut sein – ich nehme es einfach einmal an, dass er gut gedacht ist?-, aber die Form der Umsetzung ist schlecht!
    Das Konzept des achtsamen und besseren Miteinanders (ist das der Grundgedanke, der hinter allem steckt?) ist in dieser Form unverständlich und die Umsetzung kein Vorbild ihrer selbst, verärgert nur die genötigten Zuhörer und kann folglich so nicht funktionieren.
    Mit solchen Aktionen führen Sie Ihre eigene Idee selbst ad absurdum. Eigentlich schade und im Grunde sogar grotesk. Eine gewaltsam an sich gerissene Chance ist somit vertan. Selbst vertan!

    1. spannend, dass die Performance für Sie gar nicht aufging und scheinbar nachhaltig für Unverständnis und Verärgerung gesorgt hat. Mich würde interessieren warum: Lag das an dem, wie Sie schreiben, anstrengenden Setting, an der Form, der Sprache oder anderem?

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